Am letzten Dienstag war Rabbi Milgrom von der Organisation „Rabbis for Human Rights" zu Besuch an der ADV in Böblingen und berichtete von seiner Arbeit in Israel.
Die Begegnung wurde von den Lehrern Jörg Rinderknecht und Axel Rittsteiger im Rahmen des Religions- und Ethikunterrichts organisiert. Passend dazu begann Rabbi Milgrom mit einem Morgengebet, das er auf Hebräisch vortrug und anschließend ins Englische übertrug. Am Morgen sei man dankbar, dass man aufwache und wieder aufstehen könne, man sei dankbar, dass man lebe. Dieser humanistische Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch seine persönlichen Erzählungen und seine Antworten auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler.
Bezogen auf das Alte Testament schlug Milgrom einen Bogen zur heutigen Situation in Israel. Obwohl Kain, nachdem er seinen Bruder erschlagen hatte, auf Nachfrage sagte: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“, vergab ihm Gott und verschonte sein Leben. Dies stellte Milgrom in einen Zusammenhang mit dem 7. Oktober, dessen dritter Jahrestag am folgenden Tag bevorstand. Vor fast genau drei Jahren überfiel die Hamas Israel und tötete rund 1.200 Menschen. Im Anschluss daran begann der Krieg im Gazastreifen, der zum Zeitpunkt der Veranstaltung weiterhin andauerte. Milgrom bezeichnete das israelische Vorgehen dabei kritisch als „not a response, it was revenge“. Er sagte, er würde so gerne Schönes und Wundervolles über sein Land erzählen, aber dies sei zurzeit nicht möglich. Er komme aus einem Land, das „fürchterliche Dinge“ tue und dies aus seiner Sicht bereits seit 1948.
Die Zuhörerinnen und Zuhörer, die im jungen Erwachsenenalter oder jünger sind, sprach er direkt an, indem er berichtete, dass er und die meisten Israelis in diesem Alter bereits auf die Armee vorbereitet würden und drei Jahre in der Armee dienten. Er habe dies selbst getan, sich aber sehr gefreut, als seine Tochter sich traute, einen anderen Weg einzuschlagen. Sie habe mit den Worten „I don't believe in violence“ den Kriegsdienst verweigert und dafür sogar viel positive Resonanz aus ihrem Freundeskreis bekommen.
Sehr interessierte Fragen aus dem Publikum
Die Nachfragen der Schülerinnen und Schüler, die auch aus Syrien oder dem Iran kommen, beantwortete er ruhig und immer sehr persönlich. Wenn man zum Kriegsdienst gezwungen werde, müsse man immer daran denken, dass man nicht nur eine Verantwortung für die Gesellschaft trage, sondern auch für sich selbst. Einen Menschen zu töten oder zu verletzen, sei so fürchterlich, davor müsse man sich selbst schützen.
Für Milgrom gehe es nicht nur darum, ein Land zu verteidigen, sondern um Gerechtigkeit. „If you are holding a hammer, everything looks like a nail.“ Mit diesem Bild veranschaulichte er seine Überzeugung, dass man mit einer Waffe in der Hand anders agiere, als wenn man auf Dialog setze. Deshalb pflege er viele Kontakte zu Muslimen und Christen und schätze die Zusammenarbeit. Jeder Mensch sei für ihn eine Einzelperson mit einer Geschichte und einer Familie und nicht nur Mitglied einer Gruppe. Erschreckenderweise seien viele Israelis noch nie zu Besuch bei einem Palästinenser gewesen und umgekehrt.
Recht auf Selbstverteidigung
Besonders die Frage, wo das Recht auf Selbstverteidigung endet, beschäftigte die Schülerinnen und Schüler. Milgrom betonte, dass es in Israel sehr viele Abwehrmaßnahmen gebe. Beim Angriff am 7. Oktober hätten viele Menschen in Schutzräume flüchten können, und in Israel gebe es gut funktionierende Raketenabwehrsysteme. Der Krieg, wie er zurzeit geführt werde, sei jedoch etwas ganz anderes. Mithilfe von Software würden Angriffsziele ausgesucht und angesteuert und eine große Anzahl ziviler Opfer werde in Kauf genommen. Dabei verwies er auch auf den Dokumentarfilm „Naza“, der gerade in den Kinos anlaufe und in dem israelische Militärangehörige ihre Strategien preisgäben.
Verantwortung und Bildung
Auf die Frage nach der Verantwortung der Religionen für diese Konflikte betonte Rabbi Milgrom, dass jeder selbst die Verantwortung dafür trage, welcher religiösen Richtung und welchen Personen er folge. Deshalb sei für ihn Bildung ein wichtiger Schlüssel. Nur so könne man der „Media Poison Machine“, wie er die von Benjamin Netanyahu in die Welt gesetzte Propaganda bezeichnete, etwas entgegensetzen.
Er hoffe immer noch, dass es für Palästinenser und Israelis eine Lösung gebe, die auf Gleichheit statt auf Dominanz setze. Er selbst versuche, Ungerechtigkeit zu verhindern, indem er sich beispielsweise für den Erhalt von Beduinendörfern einsetze.
Diese Freude am Austausch wurde auch in seinen Reaktionen auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler deutlich. Milgrom antwortete nicht oberflächlich oder in Floskeln, sondern zutiefst berührt und mit großer Freude an Begegnungen. Die Ruhe und Konzentration der Schülerinnen und Schüler ließen erkennen, dass die Veranstaltung bleibende Eindrücke hinterlassen hatte.

