Die Zeit sichtbar machen

Die Kreiszeitung berichtet über das BKPD-Projekt

Alles eine Frage der Zeit


Produktdesigner der Gottlieb-Daimler-Schule 2 in Sindelfingen haben in Kooperation mit dem Uhrenmuseum in Furtwangen kreative Zeitmesser für den öffentlichen Raum entwickelt, zum Beispiel begehbare Uhren. Ihre Lehrkräfte sind begeistert.

Von Siegfried Dannecker
 

Sindelfingen. Die tickende Uhr, das unaufhörliche Werk ineinandergreifender Zahnräder, Werden und Vergehen: Wer sich mit dem Thema Zeit befasst, dem können unendlich viele Bilder im Kopf herumspuken. Wie jetzt Produktdesignern an de Gottlieb-Daimler-Schule-2 in Sindelfingen. Dort haben sich zwei Abschlussklassen darum bemüht, „die Zeit sichtbar zu machen“, wie ihre Aufgabenstellung zum finalen Projekt ihrer zweijährigen Ausbildung gelautet hat.
Die Zeit sichtbar machen? Die drei im Gestaltungsbereich betreuenden Lehrer Stefan Grimm und Hanns Sautter sowie Nadine Gille ließen ihren Schülerinnen und Schüler viel Freiraum. „Wie sonst soll sich Kreativität entwickeln“, findet das Trio. Zunächst hatten jeweils Dreierteams über die Zeit gehirnt – bis hin zu metaphysischen Gedanken. Dann ging jeder und jede für sich an ihre eigene Umsetzung.

„Da könnte man zusammensitzen, miteinander reden und zugucken, wie die Zeit vergeht.“
Der 22-jährige Niklas Radel über seine begehbare Uhr mit den Ziffern als Bänken

Wie die 18-jährige Felicia Rudolph aus Öschelbronn, die 19-jährige Schönaicherin Julia Koch und der 22-jährige Niklas Radel aus Magstadt. Die heben jeweils Parkuhren ersonnen. Also nicht Parkuhren, in die man Münzen schmeißt, weil man sein Auto abstellt. Sondern tatsächliche Parkuhren für Gärten im öffentlichen Raum. Stolz zeigen sie ihre Entwürfe im verkleinerten Maßstab.
Niklas hat eine begehbare Uhr geschaffen, die man drei auf drei oder sechs auf sechs Meter groß bauen könnte. Die zwölf Ziffern sind bei ihm Sitzbänke, die sich um die beiden Zeiger herum gruppieren. „da könnte man zusammensitzen, miteinander reden und zugucken, wie die Zeit vergeht“, lacht der junge Mann. Felicia hat einen ähnlichen Ansatz anders umgesetzt. Bei ihr thront ein aufgemaltes mechanisches Uhrwerk in der Mitte, um das sich LED-illuminierte Zeiger drehen. „Da schauen womöglich mal viele von ihren Smartphones in unserer unaufhörlichen sozialen Medienwelt auf und gucken den Zeigern zu.“ Das hebe entschleunigende Effekte.
Julia Koch hat das Thema wiederum anders angegangen, aber mit echtem Pfiff. Sie hat zwölf Plexiglas-Zylinder im Uhrzeigersinn angeordnet. Je nachdem, wie viel Uhr es ist, füllen die Stelen sich mit unterschiedlich farbigen Flüssigkeiten im Pegelstand, um sich irgendwann komplett zu entleeren und wieder zu füllen. „Nachts von unten her beleuchtet, könnt das ein echter Hingucker sein, der viele Menschen anzieht“, beurteilen die Lehrer diese Präsentation Wo wäre in der Sindelfinger Innenstadt Platz dafür?, ist man geneigt zu fragen.
Lilli Link hat eine Uhr für den klassisch-modernen, kunstvollen Wohnbereich oder für öffentliche Gebäude entworfen – quadratisch, praktisch, ein bisschen Bauhaus-Schlichtheit. Ein aufgesetztes Zeiger-Quadrat dreht sich auf einem Zahlen-Fond. Kleinkindern die Zeit näher bringen will Tamara Kopp mit einem durchsichtigen Zylinder, der sich im Lauf einer Stunde mit Wasser füllt. Viertelstunden werden über Markierungen angezeigt. Zu jeder vollen Stunde rollt eine farbige Kugel die Murmelbahn hinunter.
„Das sind schon richtig cool durchdachte Ideen“, freut sich Hanns Sautter, 56, der Fachgruppenbeauftragte der GDS2, der Gestaltung, Fotogrfie und Präsentationstechnik unterrichtet. Auch wenn die meisten angehenden Produktdesigner nach dem Schulabschluss was anderes machen – in der Regel irgendwas studieren -, ist Sautter nicht gram. Die Jungs und Mädels. Alles (Werk-)Realschüler, kommen an die Gottlieb-daimler-Schule, um zwei Jahre später mit der Fachhochschulreife was nach ihrer Neigung anzufangen – Innenarchitektur etwa. Oder Mediendesign. Dafür lernen sie Englisch, Deutsch, Betriebswirtschaftslehre, Technologie und auch Computeranwendungen, Fotoshop oder In-Design. Einen Maschinenschein in der Werkstatt gibt´s obendrein.
„Das sind dann auf einem breiten Fundament aufgestellte Allrounder“, schmunzelt das Lehrerpersonal. Auch Museumspädagoge Robert Werner vom Uhrenmuseum in Furtwangen zeigt sich als Kooperationspartner erfreut.

„Das sind dann schon richtig cool durchdachte Ideen.“
Hanns Sautter, Lehrer und fachgruppenbeauftragter an der Gottlieb-Daimler-Schule in Sindelfingen

Die Arbeitsergebnisse stehen als Blog auf der Museums-Homepage und sollen junge Leute in die alte Uhrenhochburg im Schwarzwald locken. „Wir haben zwar auch Kuckucksuhren, aber noch viel mehr Ausstellungsattraktionen zum Thema Zeit an sich, sagt Werner.
Zwar gehen die wenigsten Absolventen des Produktdesign-Ausbildungsganges tatschlich n den eigentlichen Designerberuf. Und bisher hat Sindelfingen auch noch keine Ikonen wie Diter Rams („Braun“) oder Manfred Meinzer („Leica“, „Revox“) hervorgebracht. Aber das ist womöglich buchstäblich nur eine Frage der Zeit.
Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Tat.
 

 
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