Fadenspiel am historischen Webstuhl

Historischer Webstuhl

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Garnrollenlager

Wandbild in Hochwebtechnik

Eines der bekanntesten gewebten Muster: Hahnentritt

152 Jahre Berufsfeld Textil

Eine lange Ausbildungszeit geht zu Ende

Sindelfingen verbinden viele mit den Autos der Marke Mercedes-Benz. Die Fahrzeuge der E- und der S-Klasse werden im größten PKW-Werk von Daimler mit rund 35.000 Beschäftigten montiert. Sindelfingen ist aber auch weithin bekannt als Weberstadt. Geblieben ist davon jedoch nicht mehr viel. Möglicherweise steht noch der ein oder andere alte Webstuhl in einem der schönen Fachwerkhäuser der Sindelfinger Altstadt. Einige davon sind jedenfalls im Webereimuseum in Sindelfingen aufgestellt, in dem sich die lange Tradition des Weberhandwerks und die Bedeutung der vielen Webereibetriebe in der Stadt nachvollziehen und das Weben sogar ausüben lässt. Textilbetriebe gibt es heute praktisch nur noch einen.

Mit dem Weggang von Ruth Körber, die bis zum Schuljahr 2020/2021 als Technische Lehrerin für Textiltechnik an der Gottlieb-Daimler Schule 2 mit Abteilung Akademie für Datenverarbeitung (GDS2) gearbeitet hat, wird nun dieser traditionsreiche Bereich an der Schule geschlossen. 152 Jahre Ausbildung im Berufsfeld Textiltechnik finden damit ihr Ende.

Kaum zu glauben, wenn man die Geschichte der Beruflichen Bildung im Textilbereich in Sindelfingen beleuchtet. Ein erstes Angebot zur Beruflichen Bildung reicht zurück ins Jahr 1869. Die Schulart Berufsschule gab es damals zwar noch nicht, aber so weit datieren die ersten Anfänge beruflicher Bildung in Sindelfingen zurück. Die Notwendigkeit dieser Ausbildung wird deutlich, wenn man sich die Zahl der Webereien damals in Sindelfingen vor Augen führt: 240 selbständige Webmeister zählte man seinerzeit. 1900 bezog man ein eigenes Gebäude, in dem man bis Anfang der Siebziger Jahre blieb. Träger der Schule wurde die Stadt Sindelfingen. Ein heute üblicherweise nur noch in den Stadtkreisen zu findendes Modell. Den Ausbildungsvertrag schloss man mit der Stadt ab, eine Ausbildungsvergütung gab es nicht. Mit dem Umzug an die damals noch vereinte Gottlieb-Daimler-Schule (GDS) erfolgte die Übernahme der Trägerschaft durch den Landkreis.

Zu Spitzenzeiten belegte das Berufsfeld Textil Räume in drei Stockwerken der GDS. Ausgebildet wurden neben den dualen Ausbildungen in Textilberufen eine dreijährige Berufsfachschule und Meisterklasse für Weber. Eine Besonderheit stellte die „Aka-Klasse“ dar. Studierende der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart durchliefen 3 Jahre Weberausbildung komprimiert auf ein Jahr. Auch heute noch an der „Aka“ tätige Professoren durchliefen ihr Jahr an der GDS in Sindelfingen. Die duale Ausbildung fand in einer Reihe von Berufen statt: mechanische Weber (Textilmaschinenführer), Handweber in den Fachrichtungen Flach- und Hochweber, Jacquardweber, Textilstopfer, Patroneure & Designzeichner, Kartenschläger (für Lochkarten), Färber, Textilsticker und Musterzeichner. Viele dieser Berufe gibt es inzwischen gar nicht mehr. Die Ausbildung zum Weber blieb als letzte Bastion bis zur Jahrtausendwende erhalten, die anderen Ausbildungsgänge wurde bereits früher geschlossen.

Zu Spitzenzeiten hatte die Webschule eine enorme Strahlkraft. So kamen Schülerinnen und Schüler praktisch vom ganzen Globus, um sich an der GDS den textilen Feinschliff zu holen. Namentlich seien Nigeria, Kanada und Syrien genannt. Wenn man eine gute Ausbildung im Weben haben wollte, dann führte damals kein Weg an der GDS vorbei. Für die Fachschule mit ihren zwanzig Plätzen lagen damals 300 Bewerbungen vor. So war die Ausbildung von handverlesenen Schülerinnen und Schülern auf sehr hohem technischen Niveau möglich.
Weil der Einzugsbereich nicht nur der Meisterschule sehr weit reichte, hatte man damals ein Wohnheim für die Schülerinnen und Schüler angeschlossen. Nach Unterrichtsschluss war es Aufgabe der Lehrkräfte, im Wohnheim für Betreuungsaufgaben zur Verfügung zu stehen und für Ordnung zu sorgen. Im Deputat fand diese Aufgabe keinen Niederschlag .
Die besondere Stärke der GDS war die enorme Vielfalt an textilen Techniken, die man vermitteln konnte. Manche davon ließen sich tatsächlich nur in Sindelfingen erlernen. Ein Beweis für die hohe Fachkompetenz der an der GDS unterrichtenden Lehrkräfte und für die exzellente Ausstattung der Werkstätten. Das Drehen am Webstuhl wurde beispielsweise nur in Sindelfingen vermittelt. Man schafft dadurch halbtransparente Gewebe aus umeinander gedrehten Fäden. Früher wurden Gardinen mit dieser Technik gefertigt. Dazu muss man genau wissen, wie stark sich die Fäden durch das Drehen verkürzen, damit sich ein gleichmäßiges und glattes Stoffbild ergibt. Für das Drehen war ein spezielles Zusatzaggregat am Webstuhl erforderlich.

Die wenigen Firmen, die es in der Textiltechnik noch gibt, wären froh, wenn an der GDS2 noch ausgebildet würde. Werden doch Fachkräfte und Spezialisten heute händeringend gesucht. Durch die Schließung von Ausbildungsgängen ist jedoch leider kein Nachwuchs vorhanden. Ein wirkliches Dilemma.

Mit der Schließung einer Vielzahl der Bildungsgänge schrumpfte in der Folge der Platzbedarf. In der seit 1999 in GDS1 und GDS 2 geteilten Schule wurde die Textilwerkstatt in vielen Gebäuden „durchgereicht“, was eine Vielzahl von Umzügen nach sich zog. Ruth Körber kommt auf sieben Umzüge in 20 Jahren. Ein echtes Nomadenleben.

Ruth Körber spricht von sich selbst als letzter Mohikanerin der Textiler an der GDS2. Mit Ihrer Pensionierung wird nun der Bereich Textiltechnik geschlossen und fällt für die Schule endgültig weg. Sie kam 1978 an die Schule. „Die Schule war aber nur eines meiner beruflichen Standbeine, als selbständige Weberin habe ich viele interessante Dinge gemacht.“ Ruth Körber berichtet von Kleiderstoffen, die sie für die Haute-Couture-Modemesse in Paris für Marken wie Dior oder Chloé gefertigt hat. „Ich habe die Aufträge am Abend bekommen und am nächsten Tag musste das fertig sein. Man wollte dadurch verhindern, dass die Konkurrenz und die Kundschaft Wind von den Entwürfen bekommt. Auf den Messen wollte man schließlich Dinge zeigen, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Da ging es um viel Geld. So ging das eine ganze Woche mit den Aufträgen. Geschlafen habe ich da nicht viel. Glücklicherweise fiel das auf die Faschingsferien, sonst wäre es gar nicht gegangen.“
Auch Kunst am Bau hat Ruth Körber gefertigt. Wandbilder von ihr in Hochwebtechnik finden sich in manchem Sitzungssaal der Rathäuser in der Umgebung.
Und auch für den großen Daimler war Ruth Körber tätig. So wurden von ihr beispielsweise Prototypen der textilen Innenverkleidung für die Fahrzeuge hergestellt.

Heute existiert in Sindelfingen wie schon gesagt nur noch ein Betrieb, der textile Produkte fertigt. Ruth Körber sieht die Gründe dafür nicht in der Verlagerung aus Kostengründen, vornehmlich nach Ostasien. „Das größere Problem ist meiner Meinung nach die fehlende Verfügbarkeit von Fachkräften. Textile Berufe sind keine einfachen Berufe, werden aber nicht gut bezahlt. Das hat zu mangelnder Nachfrage nach Ausbildungen im Textilbereich geführt. Und ohne Fachleute lässt sich keine Fertigung betreiben. Das Herstellen textiler Produkte am Webstuhl verlangt sehr hohe Konzentration über einen langen Zeitraum. Das Einrichten kann einen ganzen Tag dauern. Fehler, die sich dabei eingeschlichen haben, werden erst am fertigen Produkt sichtbar. Und das Dumme ist, dass diese Fehler auch vom Laien erkannt werden. Geduldet werden sie jedoch nicht.“

Auch am Webstuhl hat die Computertechnik Einzug gehalten. Ruth Körbers Sichtweise darauf: „Die Computertechnik bringt zwar eine gewisse Erleichterung, aber das Hirnschmalz des Fachmanns kann sie nicht ersetzen.“

Wer sich noch eingehender mit dem Weben beschäftigen will, dem sei der Besuch des Hauses der Handweberei mit angeschlossenem Webereimuseum in Sindelfingen ans Herz gelegt. Dort werden auch Kurse zum Erlernen des Webens angeboten. Angeleitet werden diese Kurse – wen wundert’s – von einer ehemaligen Schülerin der Gottlieb-Daimler-Schule.

Autor: Reiner Schmors

 
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